Mit Engelszungen in den musikalischen Himmel gesungen

Über Jahrzehnte hinweg unter Wiederverwendung eigener Kantatensätze entstanden, ist Bachs „Hohe Messe“ in h-Moll nicht nur ein schöpferisches Wunder. Ein Rätsel bleibt auch ihr Zweck. Im protestantischen Leipzig war sie fehl am Platz. Sie sprengte aber auch den liturgischen Rahmen der katholischen Dresdner Hofkirche. Als Bach sich gegen Ende seines Lebens daran machte, seine frühere Kurzmesse zu einer vollständigen „Nummern-Messe“ mit neunfacher Unterteilung des Credo auszuarbeiten, kann ihn nur ein Gedanke beflügelt haben: der Nachwelt ein Vermächtnis zu hinterlassen, das die Summe des ihm in Tönen Denkbaren zum Lobe Gottes darstellt.

Ein Chorwerk dieses Schwierigkeitsgrads einzustudieren, ist auch für die ziemlich professionelle Sängerschaft der Kantorei St. Nikolai eine erhebliche Herausforderung. Der musikalische Ehrgeiz, den sie zur Ehre Gottes und ihres scheidenden Kantors Ekkehard Richter an den Tag legte, verlieh ihr jedoch Engelszungen – man denke nur an die Schwingen der Trinität im „Sanctus“. Dabei blieb der Text selbst im polyphonen Dickicht des „Cum sancto spiritu“ verständlich.

Im mitreißenden Strom der Chöre wirkten die solistischen Gesangspartien, die Monika Frimmer (Sopran), Elisabeth Graf (Alt), Michael Connaire (Tenor) und Thomas Laske (Bass) gelassen beitrugen, wie Inseln frommer Ergriffenheit und Versenkung. Unvergesslich das Duett „Domine Deus“ mit Soloflöte und die leidbedrückte Altarie „Agnus Dei“. Das Trompeten-Trio Matthias Höfs, die Kerntruppe der Hamburger Camerata und ihre arienbegleitenden Solisten, darunter die Geigerin Meike Thiessen, die Flötistin Ulrike Höfs und die Oboistin Bettina Richter, sorgten für festlichen Glanz. Ovationen und Blumenberge für Ekkehard Richter.

„Die Welt“ vom 10.06.2002

zurück