Zum Einstand: Tradition und Moderne

Jetzt sind wieder an allen fünf Hauptkirchen die „Ersten Kirchenmusiker“-Stellen besetzt. An St. Nikolai gab am Vorabend des Volkstrauertages Matthias Hoffmann-Borggrefe seinen Einstand. Das Programm, das er dafür gewählt hatte, passte nicht nur maßgeschneidert für das Datum, sondern ebenso für den ersten großen Eindruck – bei „seinem“ Chor und bei den Zuhörern. Für die Tradition stand ein „kleiner“ Bach, die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“.

Als Hauptwerk gab es ein (gemäßigt) modernes Werk, das Oratorium „In terra pax“ des schweizerischen Komponisten Frank Martin, das dieser für den Tag der Befreiung, den 8. Mai 1945, komponierte. So konnte Hoffmann-Borggrefe gleich zu Beginn die Spannbreite seiner Programmatik zeigen und mit diesem Friedens-Oratorium einen Edelstein funkeln lassen, der – versteh einer die Musikwelt! – als wahre Rarität gelten muss. Erfreulicherweise ist in letzter Zeit öfters einmal Martins „Golgotha“ zu hören. Nach dem St. Nikolai-Konzert müsste nun auch „In terra pax“ zur Pflicht und zur Kür kirchlicher und weltlicher Chöre und Orchester werden.

Hoffmann-Borggrefe dirigierte – mit ganzem Körpereinsatz – die hervorragend disponierte Kantorei St. Nikolai und die Hamburger Camerata. Und im Schlussteil kam noch der Knabenchor St. Nikolai (auch das eine geschickte Planung für das Eröffnungskonzert) hinzu. Auch die Solisten, allen voran der überragende Bariton Thomas Laske, ließen keinen Wunsch offen.

Die Archaik der Komposition kam ausdrucksstark und wo nötig mit Wucht über. Der Höhepunkt jedoch war das ganz schlicht vertonte und ebenso vorgetragene Vaterunser. „In terra pax“ beschreibt den beklagenswerten Zustand der Erde und entlässt uns mit Hoffnung und der Verheißung: eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

„Nordelbische Kirchenzeitung“ vom 20.11.2002

zurück