Oh du Fröhliche schmettern und dazu tanzen

In St. Nicolai am Klosterstern sangen kleine Kinder Bachs Weihnachtsoratorium mit

Wenn blond bezopfte dreijährige Damen das Dirigentenpult erklimmen und ihre vierjährigen sportiven Brüder im Dufflecoat unter die Bühne kriechen, wenn Mitsingen mal nicht strengstens verboten, sondern ausdrücklich erwünscht ist, dann handelt es sich mit Garantie nicht um das adventliche Abonnementskonzert der nicht nur in den Musentempeln so häufig gewordenen Spezies der Grauköpfe.

Vielmehr dürfen wir berichten über Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, das in St. Nicolai am Klosterstern ganz ausdrücklich für Menschen ab fünf Jahren aufgeführt wurde. Doch auch diese einzige Regel, die für das Ereignis jenseits aller ritualisierten Konzertform gelten sollte, wurde außer Kraft gesetzt. Denn Mama und Papa erschienen auch mit ihren allerkleinsten. Jauchzen und Frohlocken für alle. Das ist Weihnachten. Die kollektive Freude über die Geburt eines Kindes. Die kann man fühlen, sehen und hören. Und man muss sie selbst machen. In den Jubel einstimmen und „Oh du Fröhliche“ schmettern.

Der Schauspieler Hans-Jürgen Schatz, fernsehbekannt als besserwissender West-Postdirektor im Osten, erzählte die Schlüsselszenen der Weihnachtsgeschichte und gab die rechten Höranker für den Schnelldurchlauf durch die ersten drei Kantaten aus Bachs Oratorium.
Allen Pisa-Studien-Deprimierten machten er und St. Nicolais neuer Musikdirektor, Matthias Hoffmann-Borggrefe, ein Vollblut- und Überzeugungsmusiker durch und durch, endlich wieder Mut: Die Uraufführung des Weihnachtsoratoriums hatten 1734 schließlich die Knaben des Leipziger Thomanerchores gesungen, jetzt saß der Nachwuchs zwar auf der Seite der Gemeinde, doch mal lauschte er andächtig auf Papas Schoß sitzend, mal ging er freudig bewegt und sichtbar mit – in spontanen Tanzeinlagen zum Chor „Herrscher des Himmels“.

Dieses natürliche und ungezwungene Erleben von Musik und Kunst muss nun nicht aus jedem Kind das Genie eines Horowitz zaubern. Aber es hilft, junge Menschen zu zivilisierten Wesen zu erziehen, die nicht nur die laute Brutalität medialer Botschaften wahrnehmen, sondern die wieder auf Zwischentöne achten. Die nicht nur Informationen aufnehmen, sondern diese in einem schöpferischen Prozess zu Wissen veredeln. Dazu gab der alte Bach viele Höranstöße: mit der pastoral stimmungsvollen Sinfonia, die vom Zwiegespräch Oboe blasender Hirten und Streicher spielender Engel erzählt. Oder mit den imitatorisch vielstimmigen Jubelchören, die uns zu verstehen geben: Man kann schon mal wild durcheinander trällern, wenn man genau weiß, was denn der andere da gerade singt.

-kra

„Die Welt“ vom 19.12.2003

zurück