Göttlich inspiriertes Welttheater in St. Nikolai

Frühfreudianische Seelenschau und Selbstverwirklichung waren dem musikalischen und gesellschaftlichen Giganten Georg Friedrich Händel ganz und gar fremd. Sein Welttheater folgte dem Motto: Ich spiele, also bin ich. In Rollen schlüpfen, Masken wechseln und Affekte ausstellen waren die repräsentativen Rezepte seines Opernschaffens.

Sein Oratorium „Israel in Egypt“, das Matthias Hoffmann-Borggrefe mit seiner Kantorei und der Hamburger Camerata im Rahmen des Bachfestes in St. Nikolai präsentierte, folgt den Regeln des dramatischen Händel. Zwar protzt das 1739 im Londoner King’s Theatre vor nur 17 Zuschauern uraufgeführte Meisterwerk nicht mit den virtuosen Bravourarien der einstigen Primadonnen und Kastraten. Doch war Händel zu sehr ein Mann des Theatralischen, als daß er dem Auszug des Volkes Israel aus dem Land seiner Unterdrücker nicht die gefühlsstarke Stimme der großen Oper verliehen hätte.

Und sein kongenialer Nachschöpfer, der Kirchenmusikdirektor von St. Nikolai, hat gerade soviel Theaterblut in den Fingern, daß er seinen Chor anspornt, Händels tonmalerische Effekte der ägyptischen Plagen von Hagel und Heuschrecken, von Feuer und Fröschen erregend auszumalen. Hoffmann-Borggrefe entfacht Händels durch Pauken und Trompeten angeheizte Feuermusik mit energischstem Temperament, um danach die von Gott gesandte Finsternis als um so geheimnisvolleren, düsteren Klangteppich zu weben – ein geradezu haptisch ergreifendes Erlebnis. Und Beispiel für Händels geniale Kontrastdramaturgie. Die Wut des zornigen Gottes, der die Wasserfluten über den Feinden Israels zusammenstürzen läßt, machen der Kantor und sein flexibel dynamisierter Chor mit energischen Concitato-Klängen spürbar, um sogleich Händels Kunst der Fuge als sinnige Metapher für die Flucht ins gelobte Land („He led them through the deep“) zu entschlüsseln. Vor und nach die gestisch aufgeladene Musik des Exodus hat Händel den Gesang der gläubigen Reflexion gestellt.

Zu Beginn das Begräbnis-Anthem „The sons of Israel do mourn“, ein klagendes Lied der Israeliten über den Tod Josephs, das Händel 1737 bereits als Trauerode für seine verstorbene Gönnerin Königin Caroline komponiert hatte und nun effektvoll recycelte. Am Ende steht Moses Danksagung an seinen Gott – Jubelmusik, die bereits den Messias vorwegzunehmen scheint. Göttlich inspiriertes Welttheater.

kra

„Die Welt“ vom 02.11.2004

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