Musikpädagogische Meisterleistung: Das Weihnachtsoratorium von Bach in St. Nikolai

Diese Weihnachtsgeschichte beginnt mit einem Paukenschlag, der nachhaltig klingt. Einem Akzent, der bewegt. Bachs in diesen Tagen vielgehörter Jubelchor „Jauchzet, Frohlocket“ löste dank des tänzerisch gestenreichen Totaleinsatzes von St. Nikolais Musikdirektor Matthias Hoffmann-Borggrefe eine weihnachtliche Initialzündung aus. Und zwar nicht allein bei jenen, die schon lange wissen, was sich „zu der Zeit“ vor zweitausend Jahren im jüdischen Lande begab. Denn Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium wurde in St. Nikolai am Klosterstern für Menschen ab fünf Jahren aufgeführt. Das moderierte Konzert geriet zu einer musikpädagogischen Meisterleistung. Als Schauspieler Hans-Jürgen Schatz zu Beginn all die schönen Instrumente, die wir dann gleich hören durften, einzeln vorstellte, von den Mitgliedern der Hamburger Camerata hochhalten ließ, damit auch die kleinsten Ohrenmenschen sie noch sehen konnten, geriet seine Frage, was denn die Oboe da gerade angespielt habe, zum Aha-Effekt für alle PISA-Studien-Deprimierten: Prompt piepste ein Youngster: „Das war Peter und der Wolf“. Volltreffer.

Ästhetische Bildung ist zwar schwer zu schreiben, aber sie wird hierzulande ja doch wieder hoch engagiert gelebt. Wie weit sie führen kann, bewies Schatz mit den beiden jüngsten Spielerinnen im Orchester: Lea und Louisa sind 13 Jahre jung und geigten am Mittwoch ihr erstes Weihnachtsoratorium. Phantastisch. Klug und verständlich legte Schatz im Schnelldurchlauf durch die ersten drei Kantaten aus Bachs Oratorium die Höranker aus. So erfuhren die Bachfreunde: Die Uraufführung des Weihnachtsoratoriums hatten 1734 die Knaben des Leipziger Thomanerchors gesungen, und Bach nahm dort die Stelle ein, die hier jetzt der Matthias inne hat. Wenn der Tenor aber auf der einen Silbe des Wortes „eilt“ ganze 17 Noten singt, heißt das „Koloratur“ und malt klangsinnlich den Weg der Hirten aus, die Gottes Botschaft von dem neugeborenen Menschensohn hurtig weitertragen sollen. Und wenn im imitatorisch vielstimmigen Jubelchor „Herrscher des Himmels“ Tenöre und Soprane ganz verschiedene Melodien gleichzeitig singen, will uns Bach zu verstehen geben: Man kann schon mal wild durcheinander trällern, so lange man genau wahrnimmt, was der andere da gerade singt. Spontaner Applaus.

Überhaupt ist hier erlaubt, was in ernsten Musikgefilden sonst verboten ist. Zum Wiegenlied des Alts „Schlafe, mein Liebster“ dirigiert eine kleine schwarze Dame sanft mit, wagt zum Schluß gar eine herrlich gelöste Tanzeinlage. Als der Kantor mit dem Chor „Ehre sei Gott“ und den Worten „den Menschen ein Wohlgefallen“ das Konzert beschließt, legt sie den Arm um ihre blonde Freundin. Weihnachten?

kra

„Die Welt“ vom 23.12.2005

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