Ein Hoch auf die Jubiläums-Kantorei St. Nikolai

Hauptkirche am Klosterstern feiert 50-jähriges Bestehen mit Aufführung des Passionsoratoriums „Golgotha“ von Frank Martin

von Lutz Lesle

Die Kantorei St. Nikolai feiert. Anfang 1957, nachdem das zerstörte Schiff der St. Nikolaikirche am Hopfenmarkt abgetragen und die Gemeinde nach Harvestehude „verlegt“ worden war, gründete Walter Gebhardt, der im Januar 2007 im Alter von fast 93 Jahren verschied, die Kantorei der scherzhaft so genannten „Hauptkirche im Zimmer“. Dauerte es doch noch fünf Jahre, bis Gerhard Langmaaks kühner Kirchenneubau am Klosterstern stand. Unter dem Altarbild des Gekreuzigten, das der Hamburger Bach-Preisträger Oskar Kokoschka entwarf, glänzte die Kantorei jetzt unter Leitung von Gebhardts „Amtsenkel“ Matthias Hoffmann-Borggrefe in einer zu Herzen gehenden Festaufführung des Passionsoratoriums „Golgotha“ von Frank Martin. Natürlich spornte die Anwesenheit der Witwe des 1974 in den Niederlanden verstorbenen schweizerischen Komponisten alle Mitwirkenden an, ihr Äußerstes zu geben.

In einer der dunkelsten Stunden Europas, im Frühling 1945, begegnete der Komponist Rembrandts Kupferstich „Die drei Kreuze“, der das Sterben Jesu als Sieg über die Finsternis beschreibt und die Menschen auf dem Kalvarienberg in Erleuchtete und Verfinsterte teilt – eine Erlösung verheißende Bildvision, die dem Komponisten den Mut einflößte, Bachs mächtigen, liturgischen, je einem Evangelisten gewidmeten Passionen ein eigenes Oratorium entgegenzusetzen, das Jesus unmittelbar in den Brennpunkt des Passionsgeschehens rückt. Weshalb er sich für die Textform einer Evangelienharmonie (Auswahl aus allen vier Evangelien) entschied, worin Jesus nur dem Hohenpriester und Pilatus gegenübertritt und eingeblendete Meditationen des Kirchenlehrers Augustin dem Hörer zu denken geben. Sie vermitteln zwischen den sieben mitreißenden, farbenreich instrumentierten und harmonisierten „Passionsbildern“ – Palmfest, Disput im Tempel, Abendmahl, Gethsemane, Jesus vor dem Hohen Rat, Jesus vor Pilatus, Kalvarienberg – und fügen die Ereignis-Stationen zur formalen Einheit. Nicht nur, aber auch, weil Martin die Evangelistenberichte unter den Solisten aufteilt und in dramatischen Augenblicken den Chor hinzuzieht, den er überaus vielgestaltig einsetzt und behandelt, sind Solo- und Chorsänger gleichermaßen gefordert.

Ein Hoch auf die Jubiläums-Kantorei für Glaubensbekundung und Pöbelgeschrei. Ein fünffaches Bravo für Thomas Laske (Bariton) als Mund Christi und das Solistenquartett Katherina Müller, Schirin Partowi, Wolfram Wittekind und Volker Philippi. Sonderapplaus für die Holzbläser der Hamburger Camerata.

„Die Welt“ vom 02.04.2007

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