Das Paulus-Oratorium als energiegeladenes Klangbild

Ein Saulus wird zum Paulus: Mendelssohn hat die Bekehrung des Jesus-Jüngers in seinem Oratorium mächtig erbaulich nachgezeichnet. Pech nur, dass es heute offenbar kaum einen mehr nach solch romantischem Heiligenschein dürstet. Umso verdienstvoller also, dass Matthias Hoffmann-Borggrefe den „Paulus“ in St. Nikolai nun einmal am Sonnabend wieder aufs Programm hob. Und weit entfernt vom Kassengift gelang es dem Kantor dabei in „seiner“ Kirche mit geschärftem Zugriff auf die bisweilen allzu wonnigen Klang-Gebirge die dicht besetzten Reihen über zweieinhalb Stunden zu fesseln.

Mal sanft, mal höchst machtvoll auftrumpfend, stets aber voller Präzision und Textverständlichkeit sorgte die „Haus“-Kantorei samt Knabenchor für ein wuchtiges, energiegeladenes Klangbild. Bis hin zur opernhaften Dramatik, wenn der Chor erst die Steinigung von Stephanus und dann von Paulus verlangt. Mal Action, mal Erbauung: Solch weltliche Stimmungen lässt die göttliche Botschaft auch für Heiden greifbar werden.

Dass „Einpeitscher“ und „Hochspringer“ Hoffmann-Borggrefe dabei die Hamburger Camerata nicht immer zum nötigen Mix aus romantischer Dichte und Bachscher Klarheit bewegen konnte, sei angesichts der Chorleistung, vor allem aber der Sopranistin nachgesehen. Denn anders als der kaum gefragte Mezzo Verena Langbeins und die männlichen Solisten Markus Francke und Ulf Bästlein, die allzu oft über Feinheiten hinweg sangen, berührte Tina Scherer mit ihrem ebenso strahlenden wie warmen, überaus farbig-facettenreichen Timbre ungemein. Was uns zwar nicht vom Saulus zum Paulus werden, doch begeistert applaudieren ließ. jh

„Die Welt“ vom 20.11.2007

zurück