org_art_lab ist ein Laboratorium, in dem die Ingredienzen Kunst, Wissenschaft und Theologie verschiedenste Verbindungen eingehen. Als Katalysator zur Herstellung von Kompositionen unterschiedlichster Formen dient die Improvisation, als Laborinstrument die Orgel.
1907 forderte Ferruccio Busoni in seinem “Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst” neue Instrumente als Inspirationsquelle für die Komponisten und als Voraussetzung dafür, dass neue Musik entstehen kann. In den 1920er und 1930er Jahren und dann wieder in den 1950er bis 1970er Jahren experimentierte man im Orgelbau mit neuen Klangfarben und Spielmöglichkeiten. Damals sprach man noch von Experimenten, die Technologie war bei weitem nicht ausgereift, die neuen Spielmöglichkeiten mussten erst ausgelotet werden.
Inzwischen orientiert man sich (nachdem zwischenzeitlich der Fokus auf dem historisierenden Orgelbau gelegen ist) vermehrt an der Aufbruchstimmung und der Lust am Neuen zur Zeit der Avantgarde. Die Technologien sind ausgereifter, in der Musik haben sich aus den ehemaligen Experimenten verschiedene Konventionen herauskristallisiert und neue Spieltechniken etabliert. Neue Instrumente versetzen uns in die Lage, neue Klänge nicht mehr nur experimentell und zufällig zu erzeugen, sondern sie erlauben uns, bestimmte Klangstrukturen verlässlich zu reproduzieren – eine wichtige Voraussetzung für das strukturierte Improvisieren und Komponieren.
Die Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg hat seit 2023 eine Orgel eines neuen Typs – eine Hyper-Orgel. Instrumente dieser Art sind in letzter Zeit vermehrt gebaut worden, eine internationale, wachsende Szene von jungen Organist*innen und Komponist:innen begeistert sich mehr und mehr für die neuen Klangmöglichkeiten dieses Instrumententyps. Doch der Umgang mit diesen Möglichkeiten will gelernt sein, Künstler*innen anderen Disziplinen wollen an dieses Instrument herangeführt werden. Erst durch profunde Kenntnis und verantwortungsvolle Anwendung der neuen Spielmöglichkeiten kann Neues entstehen, das auch Bestand haben wird.
Das org_art_lab versteht sich als ein Laboratorium, das Künstler*innen verschiedener Disziplinen zusammenführen und das Entstehen neuer Musik, vielleicht sogar neuer Formate ermöglichen will. Eine Woche lang finden unter der Leitung von Prof. Franz Danksagmüller (Musikhochschule Lübeck) Workshops und Proben statt. Die Ergebnisse werden in Konzerten und Gottesdiensten zur Aufführung gebracht.
Vom 1. bis 6. September 2026 wird die nächste Ausgabe des org_art_lab in der Hauptkirche St. Nikolai stattfinden. Die Vorbereitungen zu einer Woche mit Workshops und Konzerten laufen bereits.
Klangforschung und Festivalpraxis
Freitag, 18. Juli, 14-17 Uhr: Am Vorabend seines Konzerts gab der französische Organist und Klangforscher Yves Rechsteiner Einblick in seine vielfältige Arbeit im Rahmen des renommierten Orgelfestivals Toulouse-les-orgues. Im Zentrum standen innovative Formate wie die mobile Orgel L’Explorateur und die Entwicklung genreübergreifender Programme.
Rechsteiner erläuterte außerdem seine Herangehensweise an sein Programm "Classic Melancholy“ – eine faszinierende Collage aus unterschiedlichsten Musikstilen, die er im Orgelsommerkonzert am 19.7. präsentierte.
Neue Techniken für neue Instrumente
Am Mittwoch, den 12.11., von 14–17 Uhr, gab Prof. Franz Danksagmüller (MHL) Einblicke in neue Spieltechniken für Hyper-Orgeln. Im Zentrum standen dabei die Kombination aus analogen Klängen, Live-Elektronik und innovativen Ausdrucksformen, die mit den erweiterten Möglichkeiten moderner Orgeln – wie der unseren in St. Nikolai – realisiert werden können.
Komposition im digitalen Raum
Am Donnerstag, den 13.11., von 14–17 Uhr, gab Greg Beller den Workshop Stimme, Geste und Künstliche Intelligenz in der Musik. Greg Beller ist Komponist, Forscher und Künstler an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Kunst und Technologie. Seine Arbeit erforscht die vielfältigen Beziehungen zwischen Stimme, Geste, Raum und musikalischer Komposition. Mit einem besonderen Fokus auf die Verbindung von Körperbewegung und Stimmgestaltung entwickelt er neue Formen der Interaktion und Darstellung in der Musik.
In diesem Workshop präsentierte Greg Beller seine aktuellen Forschungsfelder: Sprach- und Stimmverarbeitung, die Beziehung zwischen Geste und Stimme, erweiterte und virtuelle Realität, das Schreiben für Chor, die unmittelbare musikalische Darstellung sowie die Rolle der Künstlichen Intelligenz in der Komposition.
Ein zentraler Teil des Workshops war die Vorstellung des Projekts Synekine, das neue Wege der expressiven Kommunikation zwischen Körper und Klang erforscht, sowie die Demonstration des Spatial Sampler XR, eines interaktiven Systems zur immersiven räumlichen Gestaltung von Klang.
Der Workshop wurde durch musikalische Beispiele aus Greg Bellers eigenem Werk illustriert und lud das Publikum ein, neue Formen der Wahrnehmung, Komposition und musikalischen Erfahrung zu entdecken. Der Workshop wurde auf Englisch abgehalten.
Zu den Workshops waren Organisten, Komponistinnen und alle eingeladen, die sich für neue Musikformen, innovative Spieltechniken und interdisziplinären Austausch interessieren.
Höhepunkt: Konzert der Kantorei St. Nikolai „…Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen“ – UA von Fadensonnen
Den Abschluss bildete am Samstag, den 15.11., um 19:00 Uhr, das Konzert mit der Kantorei St. Nikolai unter der Leitung von Anne Michael. Im Zentrum stand die Uraufführung des Werks „Fadensonnen“ von Greg Beller, das explizit für diesen Anlass und für den Raum St. Nikolai komponiert wurde. Inspiriert von Paul Celans Gedicht „Fadensonnen“ widmete sich das Konzert existenziellen Themen wie Krankheit, Krieg und innerer Wandlung – musikalisch verhandelt zwischen Licht und Dunkelheit, Klage und Hoffnung.
Das org_art_lab ist eine Kooperation zwischen der Musikhochschule Lübeck und der Hauptkirche St. Nikolai.
Im Jahr 2026 wieder gefördert durch: